Werbung |
Donnerstag, 6. März 2008Johanniskraut
Generaldirektor Prof. Dr. Johanniskraut fuhr zur lockeren Party ins luxuriöse Casino der FSME AG - dachte er. In zwangloser, vertrauter Stimmung wollte er mit seinen Abteilungsleitern einige nette Stunden verbringen. Geschäftliche Themen standen keineswegs auf der Tagesordnung, jedenfalls bisher nicht.
Die Klimaautomatik seines dunkelblauen Dienstmercedes milderte die drückende Schwüle dieses Abends, schluckte aber auch ihren würzigen Duft. Das Zwitschern der Vögel durchdrang kaum die gepanzerte und schallisolierte Karosserie. Zentimeterdicke, grüngetönte Scheiben filterten das ohnehin schon milde Sonnenlicht. Merkwürdig gedämpft fiel es in den Fond des Wagens und mischte den graumelierten Haaren des mächtigen Konzernchefs einen unnatürlichen Farbton bei. Genausowenig wie sonst bemerkte der Boß, dass sein Kontakt zur Natur, die lediglich noch an ihm vorbeizurauschen schien, ständig distanzierter geworden war, je länger er als Topmanager die Geschicke "seines" Chemiegiganten lenkte. Raffinierte und rigorose Sicherheitsmaßnahmen entfremdeten ihn seiner Umwelt ebenso wie der als selbstverständlich empfundene Luxus. Nur sehr selten nahm Johanniskraut diesen mißlichen Umstand noch bewußt wahr. In solchen Augenblicken bedauerte er seine mißliche Isolierung, sah aber als Realist ganz klar, dass sein gleichsam synthetisches Leben der Preis war für die Machtfülle, die ihm als Generaldirektor des Chemiegiganten FSME AG zugewachsen war. Vor einigen Tagen erst hatte der Bundesanwalt ihn in einem Fernschreiben vor einem potentiellen Terroranschlag gewarnt. Als Gallionsfigur der chemischen Industrie zweifelte Johanniskraut nicht an der Ernsthaftigkeit dieses Hinweises, der auf Informationen eines in die RAF-Szene eingeschleusten V-Mannes beruhen sollte. Der schwere Wagen bog ab vom Frankfurter Ring. Der Boss setzte sich ein wenig aufrechter, beugte seine Knie fast rechtwinklig, ließ die Arme schlaff herunterhängen und lagerte dann die fleischigen Hände auf den Oberschenkeln. Langsam schloß er seine Augen und entspannte sich. Diese Technik hatte er auf den Seminaren für Topmanager gelernt und er wendete sie normalerweise an, wenn strapaziöse Sitzungen bevorstanden. Zwar gab es für die heutige Party keinen unbequemen Tagesordungspunkt, aber sein in langen Dienstjahren geschärfter Instinkt sagte ihm, dass Ruhe und Contenance dennoch wichtig werden könnten. Einige seiner Abteilungsleiter hatten in der letzten Zeit einen deutlich zu lockeren Umgangston, fand Johanniskraut. Vielleicht handelte es dabei nur um ein Zeichen mangelnder Disziplin, schon unangenehm genug. Schlimmstenfalls aber konnte man hinter diesem Umstand die Vorstufe einer Palastrevolution sehen, die es rechtzeitig zu analysieren und zu unterdrücken galt. Der langjährige Cheffahrer Josef Becker nahm den Fuß vom Gaspedal und lenkte den gepanzerten Wagen in eine schattige Allee, eine routinemäßige Änderung der üblichen Fahrtroute als Sicherheitsmaßnahme. Mit einem flüchtigen Blick in den Rückspiegel erkannte er, dass Professor Johanniskraut in Entspannungsübungen versunken war, und registrierte außerdem befriedigt, dass das Auto der Leibwächter dem Abbiegemanöver gefolgt war und inzwischen wieder recht dicht hinter ihm fuhr. Ein Sicherheitsbeamter gab gerade über Funk eine genaue Positionsmeldung durch. In diesem ruhigen Moment begann das Faxgerät zu summen und wälzte träge ein Blatt Thermopapier hervor. Johanniskraut erwachte ungehalten aus seiner Trance und überflog die gerade eingetroffene Mitteilung, die kurz und präzise die Teilnehmerliste der heutigen Party enthielt. Sein neuer persönlicher Referent hatte das Verzeichnis ergänzt um die vermutlichen Probleme der Direktoren. Ganz zum Schluß allerdings las Johanniskraut mehrfach einen abstrusen Vorschlag, den er kaum fassen konnte. Wollte der neue Mann ihn zum Gespött seiner Abteilungsleiter machen? Das hervorragende Gedächtnis des promovierten und habilitierten Betriebswirts Johanniskraut speicherte in wenigen Sekunden jene Fakten, die er für bedeutsam hielt. Danach faltete der Boß das Dokument lässig zusammen und schob es achtlos in die Westentasche - für alle Fälle. Und den Vorschlag seines persönlichen Referenten würde er akzeptieren, ein Testfall sozusagen. Falls Johanniskraut hier ein Flop angedreht worden war, könnte der junge Mann am nächsten Tag seine Papiere abholen. Der schwere Wagen rollte langsam auf das massive Edelstahlgitter zu, das in diesem Augenblick, wie von einer Geisterhand gezogen, im Boden verschwand und sich nach dem Passieren der Kolonne rasch wieder hob. Gedämpftes Poltern durchdrang jetzt die Schalldämmung, als der Daimler gemächlich über das makellose Natursteinpflaster dem Casino der FSME AG entgegenrollte. »Wie wirkungsvoll unser Herbizid "Muriex" ist«, pflegte Johanniskraut an dieser Stelle seinen ausländischen Gästen zu erklären, »erkennen Sie daran, dass in den Fugen dieses Pflasters nicht das kleinste Unkräutchen gedeiht.« »Und wie unschädlich es ist«, ergänzte er dann normalerweise nach einer kleinen Kunstpause, »das sehen sie daran, dass der angrenzende englische Rasen so wundervoll saftig-grün leuchtet, natürlich mit Hilfe von "Grünkohl-Extrakt".« Und wenn er schließlich mit seinen internationalen Großkunden dichter an jene wuchtige Villa der Gründerjahre herangefahren worden war, deren massiv überladene Architektur jeden Betrachter zu erdrücken schien, dann hatte er einen weiteren Gag in seinem Repertoire. »Sehen Sie«, pflegte er in diesem Moment zu erklären, »hier hat FSME AG sogar über die Architektur gesiegt. Dieser wuchtige Bau verliert unter unserer Ockerfarbe seinen massigen Charakter - eine Empfehlung für "Topicolor".« Den Besuchern schienen diese Erklärungen Johanniskrauts einzuleuchten. Und in der Tat: der Chemiegigant hatte das Casino in den Gründerjahren im pompösen Stil jener Zeit als zweieinhalbgeschossiges Bauwerk errichtet. Die zahlreichen Türmchen, Erker, Zinnen und Vorbauten sonstiger Art, wie Balkons und Veranden, ließen es wie eine Burg aus Disneyland wirken, ein Eindruck, den die konterkarierende, gedämpfte Farbgestaltung noch unterstrich. Trackbacks
Trackback für spezifische URI dieses Eintrags
Keine Trackbacks
|
SucheKapitel |