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Donnerstag, 6. März 2008
Johanniskraut Pille Geschrieben von Nebenwirkung
in Johanniskraut um
22:24
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Langsam rollte die Cheflimousine inzwischen vor dem bombastischen Portal aus. Ein wartender Livrierter öffnete beflissen dienernd den Wagenschlag und geleitete Johanniskraut ins Casino. Chauffeur Becker folgte ihnen eilig und überreichte dem Portier unauffällig ein in transparente Folie gehülltes Bukett. »Braucht der Chef gleich.«
Generaldirektor Johanniskraut bemerkte dennoch diese blumige Stafette und lächelte. Warum denn nicht? Mit der Intuition eines renommierten Wirtschaftskapitäns hatte er verstanden, dass die Empfehlung seines psychologisch geschulten Mitarbeiters zumindest den Beginn der Party auflockern konnte. Vielleicht könnte er, dachte der Boß, den Gag als Stimmungsbarometer nutzen. Ein Optimum wäre natürlich, eine potentielle innerbetriebliche Opposition zu enttarnen. »Darf ich die Blumen in eine Vase stellen, bis sie gebraucht werden, Herr Generaldirektor?«, fragte der Portier eifrig, während er hinter dem Chef herlief. »Nicht nötig«, sagte Johanniskraut, während er bereits am bereitstehenden Fahrstuhl vorbei die Stufen zur Empfangshalle emporstieg. »Warten Sie gleich einen Augenblick vor der Tür.« Mit energischen, ausgreifenden Schritten marschierte der Boß jenem Raum entgegen, in dem sich seine Direktoren bereits versammelt hatten und auf ihn warteten. Achtlos passierte er die berühmten, kühl-blauen Täbriz-Galerien. Keinen Blick verschwendete er auf die Ölgemälde jener bedeutenden Wissenschaftler und Kaufleute, die über Generationen den Grundstein für den Welterfolg von FSME AG gelegt hatten. Die wertvollen, historischen Möbel aus aller Welt, die der Chemiegigant im Laufe vieler Jahrzehnte unter erheblichen Kosten gesammelt hatte, nahm er nicht bewußt zur Kenntnis. Auch am harmonisch buntgetönten Fries, der durch ein bleiverglastes transparentes Bildnis des Firmengründers seltsam illuminiert wurde, schritt er achtlos vorüber. Bei seinem Eintritt in die Firmenleitung vor zehn Jahren hatte er all diese Kostbarkeiten kurz bewundert. Seitdem aber verschwendete er an die erlesene, millionenschwere Ausstattung des Casinos weniger Aufmerksamkeit, als sie vielleicht ein Schauspieler noch für die Theaterkulisse aufbringen mochte. Der trotz eines deutlichen Übergewichts immer noch körperlich durchtrainierte Boß erreichte unbehelligt die Tür des Roten Salons. Hier hielt er inne, verweilte einige Sekunden, um sich zu sammeln, und trat dann gemächlich ein. Es war, als habe jemand imaginäre Scheinwerfer eingeschaltet, die schlagartig den Neuankömmling in den Mittelpunkt des Interesses gerückt hätten. Dezent neugierig richteten sich die Blicke der Anwesenden auf den Chef. Das allgemeine Gespräch verstummte. Generaldirektor Johanniskraut kannte diese Situation, sie ließ ihn genauso kalt wie das auserlesene Interieur, das ihn auch hier umgab. Naturgemäß verschwendete er keinen Blick auf die wertvolle, rote Seidentapete, die dem Raum ihren Namen gegeben hatte, beachtete nicht den schweren, vergoldeten Kronleuchter, die kostbaren klassizistischen Möbel, die unschätzbaren Orientteppiche oder den beeindruckenden Durchblick zum angrenzenden Weißen Salon. Inzwischen herrschte eine gespannte Ruhe. Der Boß lächelte seine versammelten Direktoren amüsiert an. Die Idee des neuen Direktionsassistenten, fand er jetzt, war gar nicht einmal so schlecht. Wie war es möglich, dass diese gestandenen Führungspersönlichkeiten sich selbst bei inoffiziellen Anlässen nicht so locker und menschlich geben konnten, wie Johanniskraut es bei ähnlichen Parties in Amerika oft erlebt hatte? Erzeugte der Pomp des Casinos eine derart verkrampfte Stimmung? Der Boß würde darüber nachdenken lassen. »Guten Abend, meine Herren«, begrüßte er seine Mitarbeiter verbindlich, aber durchdringend. »Bitte lassen sie sich nicht in Ihrer Unterhaltung stören. Einziger Punkt der Tagesordnung: eine lockere Party.« Die Anwesenden lächelten, einige klatschten als Reaktion auf die einführende Begrüßung dezent Beifall. Etlichen von ihnen sah man allerdings die Neugier und Spannung an zu erfahren, wen der Chef denn nun unter den gleichrangigen Direktoren zunächst begrüßen würde. Wer war der heimliche Favorit? Johanniskraut enttäuschte sie alle. Ohne Zögern ging er zu jener silberhaarigen Angestellten in der Nähe der Eingangstür, die schon seit vielen Jahren das Casino der FSME AG leitete. Mit einer angedeuteten Verbeugung bot sie ihrem Chef auf einem silbernen Tablett diverse Getränke an. Er entschied sich für ein Glas Champagner. »Wissen Sie, Frau Matzak«, fragte Johanniskraut merkwürdig laut, »dass Sie heute ein Jubiläum feiern?« Die Bedienung errötete und schüttelte verwirrt ihren Kopf. Soweit sie sich erinnern konnte, hatte der oberste Chef - fast ein Halbgott - sie noch niemals persönlich zur Kenntnis genommen, geschweige denn angesprochen. Gütig lächelnd wandte sich der "General", wie Johanniskraut intern heimlich genannt wurde, an seine verunsicherten Direktoren, die ihn ratlos beobachtet hatten. Was mochte ihr unberechenbarer Chef nun schon wieder hinterlistig ausgebrütet haben? |
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