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Freitag, 7. März 2008Creatin
Dr. Antonio Creatin lehnte sich locker zurück und wartete darauf, dass das Netzwerk des Computers sein Password akzeptierte. Milde abendliche Sonnenstrahlen streiften das wellige, von einzelnen Silbersträhnen durchsetzte Haar des Verlegers und Chefredakteurs, glitten über seine fülligen Wangen und die markante Nase - er schien den sommerlichen Abendfrieden zu genießen.
Wenig später hatte die EDV-Anlage die Sicherheitsüberprüfung abgeschlossen und gab den Weg frei zum Buchhaltungs- und Statistikprogramm. Creatin beugte sich wieder vor und drückte die Funktionstaste "F2". Unübersichtliche, lange Zahlenkolonnen erschienen auf dem Farbmonitor, die Creatin mit "F11" in eine anschauliche Grafik umwandelte. Ein unbeteiligter Zuschauer hätte den ausgeglichenen, sonnengebräunten Mann vielleicht für einen norditalienischen Weingroßhändler halten können, der gerade zu einem guten Preis Chianti exportiert hatte. Doch der Computer offenbarte keine Gewinne. »Wir schreiben rote Zahlen«, sagte Creatin emotionslos in seinem harten, italienischen Akzent. Er deutete mit dem Kugelschreiber auf den Monitor und erwartete gespannt die Reaktion seines Besuchers. Dr. Frederic Tetanus, Starjournalist und "Kronprinz" des medizinischen Wochenblatts "Arzt & Medikament", runzelte ungläubig die Stirn. »Das überrascht mich, ehrlich gesagt.« »Kein Wunder«, lächelte Creatin überlegen. »Bisher hast du dich um die Finanzlage unseres Blattes herzlich wenig gekümmert.« »Nicht nur die überrascht mich, Antonio. Ich wundere mich auch darüber, wie gelassen du unsere schlechte Lage demonstrierst.« »Durch Weinen werden wir die Bilanzfarbe auf dem Bildschirm nicht verändern«, sagte Creatin und zündete sich eine dunkle Zigrarre an. Frederic holte eine kleine Silberdose aus seiner Hosentasche, ließ durch eine schnippende Bewegung seines rechten Zeigefingers ein wenig dunkles Pulver auf den Ansatz seines linken Handrückens rinnen und schnupfte es hoch. Während des ganzen Rituals ließ der Journalist seinen Chef nicht aus den Augen. »Du wirkst, als ob du schon einen Sanierungsplan hättest, Antonio« Creatin lächelte erneut. »Gut beobachtet, aber trotzdem falsch.« Irritiert schnäuzte sich der Journalist. »Du weißt, Antonio, dass ich von Gelddingen nicht viel verstehe«, sagte er dann unsicher. »Und trotzdem erwartest du ausgerechnet von mir gute Ratschläge?« »Ein wacher Verstand hilft manchmal weiter als ein starr auf Bilanzen gerichteter Blick.« »Danke. Durch eine Tasse Kaffee könnte man übrigens meine grauen Zellen noch weiter aktivieren.« Creatin verstand diesen Hinweis und gab den Wunsch über die Wechselsprechanlage an seine Sekretärin weiter. »Danke, Antonio«, sagte Frederic. »Du wolltest mir übrigens erklären, warum dich die Defizite nicht sonderlich berühren.« »Das siehst du falsch. Natürlich ärgern mich die Verluste, aber die langen, fetten Jahre meines Blattes haben für die nötigen Rücklagen gesorgt. Auf dieser Basis brauche ich nicht hektisch zu reagieren.« Die Sekretärin brachte ein Tablett, auf dem eine Thermoskanne und zwei Tassen standen. Creatin nickte ihr dankbar zu. Frederic wartete, bis die Tür wieder von außen geschlossen war. »Wie lange reichen die Reserven?«, fragte er dann, während er den Kaffee einschenkte. »Die Frage ist falsch gestellt.« »Inwiefern?« »Ich habe nicht die Absicht, mein gesamtes Vermögen in einem Faß ohne Boden versickern zu lassen. »Konkret: Wann müßten wir bei unveränderter Finanzlage den Betrieb einstellen?« »In etwa einem halben Jahr.« Frederic brauchte eine Bedenkpause. Reflektorisch griff er wieder zu seiner silbernen Schnupftabakdose, placierte sorgfältig eine Prise am Daumenansatz und zog das schwarze Pulver kräfig hoch. Für einen kurzen Moment schloß er seine Augen und genoß das Prickeln der Nasenschleimhäute. |
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